
Erste Hilfe im Outdoor-Kontext ist kein „Survival-Content“, sondern die Kunst, Zeit zu kaufen, bis Profis übernehmen. Du behandelst nicht „wie im Krankenhaus“, du stabilisierst, schützt vor Verschlimmerung und holst Hilfe. Genau darum drehen sich auch die Standard-Ansätze von Deutsches Rotes Kreuz und der DGUV: Eigenschutz, Notruf, einfache Maßnahmen.
1) Grundsatz: Eigenschutz, Überblick, dann handeln
Draußen sind die „Patienten“ oft nicht das größte Problem. Es sind: Straße, Steinschlag, Wetter, Dunkelheit, Panik, weitere Stürze.
Rettungskette (minimal, aber richtig):
- Sichern / Eigenschutz (Gefahren erkennen, Unfallstelle absichern)
- Retten aus der Gefahrenzone (wenn möglich ohne dich selbst zu gefährden)
- Notruf
- Erste Hilfe bis Hilfe da ist (Wärme, Blutung, Lagerung, Betreuung)
Die DGUV beschreibt das sehr klar inkl. Notruf-Inhalten und Rettungskette.
2) Notruf draußen: 112, klar sprechen, Standort liefern
Die 112 ist europaweit kostenfrei erreichbar und hat im Netz Priorität (ja, wirklich).
Der Deutscher Alpenverein betont fürs Berg-/Outdoor-Setting: Ohne brauchbaren Standort verzögert sich Rettung massiv.
Die „5 W“ (kurz, bewährt):
- Wo ist es passiert? (Koordinaten, Wegnummer, Hütte, markanter Punkt)
- Was ist passiert?
- Wie viele Betroffene?
- Welche Verletzungen / Gefahren? (Bewusstlos, starke Blutung, Steinschlagrisiko)
- Warten auf Rückfragen (nicht einfach auflegen)
Outdoor-Tipp: Offline-Karte aktiv + Akku sparen. „Ich kann den Standort nicht schicken“ ist leider ein Klassiker.
3) Der kurze Check am Patienten
Das Deutsches Rotes Kreuz arbeitet bei lebensbedrohlichen Situationen mit einer sehr einfachen Logik: Bewusstsein prüfen, Hilfe rufen, Atmung prüfen, dann handeln (inkl. „Prüfen, Rufen, Drücken“ bei Herzstillstand).
Praktische Reihenfolge:
- Ansprechbar? (laut ansprechen, sanft an den Schultern rütteln)
- Atmung normal? (sehen/hören/fühlen)
- Starke Blutung? (stoppt man zuerst)
- Kälte/Hitze/Schock? (verschlechtert alles schnell)
4) Häufige Outdoor-Fälle und was du realistisch tun kannst
A) Bewusstlos, aber atmet
Dann ist das Ziel: Atemwege frei halten und Erbrochenes/Blut abfließen lassen.
- Stabile Seitenlage bei Bewusstlosigkeit mit normaler Atmung.
- Danach: 112, warm halten, regelmäßig Atmung kontrollieren.
B) Keine normale Atmung
Dann zählt Zeit. Das DRK beschreibt die Grundschritte der Wiederbelebung („Prüfen, Rufen, Drücken“) inkl. Frequenz und Drucktiefe.
Wichtig: Das ersetzt keinen Kurs, aber es ist besser als gar nichts.
C) Starke Blutung
Draußen ist das einer der wenigen Fälle, die wirklich schnell lebensbedrohlich werden können.
- Direkter Druck auf die Blutungsquelle (Druckverband / Druck ausüben).
- Wenn Material knapp ist: sauberstes verfügbares Material nutzen, Druck halten.
- Notruf, wenn Blutung stark ist, nicht kontrollierbar wirkt oder der Zustand schlechter wird.
D) Sturz, Verdacht auf Bruch / Verstauchung
Ziel: Ruhigstellen, kühlen, schützen, keine Heldentaten.
- Nicht einrenken, nicht „mal testen“.
- Ruhigstellen/Polstern (z.B. mit Jacke, Dreiecktuch, Rucksack) und ggf. kühlen.
- Bei offenen Verletzungen: abdecken, nicht „auswaschen und rumfummeln“.
E) Schock (nach Sturz, Blutung, starker Angst, Schmerz)
Schock sieht oft aus wie: blass, kalt, zittrig, schnell atmend, schwach.
Das DRK empfiehlt bei Bewusstsein: hinlegen, Beine hoch, zudecken, Unruhe vermeiden, 112.
F) Unterkühlung oder Überhitzung
Das ist Outdoor-typisch und wird gerne unterschätzt.
- Unterkühlung: Wind rausnehmen, isolieren, trocken/warm halten, bei Verschlechterung Notruf. (Draußen kann das extrem schnell kippen.)
- Überhitzung: Schatten, kühlen, trinken in kleinen Mengen (wenn wach/ansprechbar), bei schweren Symptomen Notruf.
Wenn du dazu saubere Details willst: Das Thema ist groß genug für eigene Posts (und ja, du hast dir die ja schon geholt).
G) Zecke: kein Drama, aber ernst nehmen
Zeckenstiche sind häufig. Das Robert Koch-Institut weist u.a. darauf hin, dass das Testen einer entfernten Zecke auf Erreger meist nicht sinnvoll ist.
Wichtiger sind: zeitnah entfernen, Einstichstelle beobachten, bei Symptomen medizinisch abklären (und FSME-Risikogebiete/Impfung sinnvoll prüfen).
5) Outdoor-Erste-Hilfe-Set: klein, sinnvoll, benutztbar
Du brauchst kein Krankenhaus im Rucksack. Du brauchst Dinge, die typische Probleme abfangen:
Minimal (Tagestour):
- Einmalhandschuhe
- Sterile Kompressen / Verbandpäckchen
- Fixierbinde / Tape
- Dreiecktuch
- Rettungsdecke (Wärmeerhalt ist Erste Hilfe, nicht Komfort)
- Blasenpflaster (weil „klein“ sonst „groß“ wird)
- Schmerzmittel nur, wenn du weißt, was du verträgst (und nicht als Standardempfehlung)
Plus (wenn du regelmäßig draußen bist):
- Zusätzliche Kompressen (für Blutungen)
- Kleine Schere
- Kühlkompresse (oder improvisierbar über Wasser/kalte Umschläge)
- Persönliche Medikamente (Asthma, Allergie-Notfallset etc.)
Wenn du Allergiker im Team hast: Das ist keine „Option“, das ist Pflichtausrüstung, die auch jemand anders bedienen können muss.
6) Training schlägt Ausrüstung
Das ist der unsexy Teil: Mach einen Erste-Hilfe-Kurs (und wiederhole ihn). Das ist die einzige Methode, die zuverlässig verhindert, dass du in einer Stresssituation irgendwas Halbgares tust.
Kurz-Hinweis: rechtlich & medizinisch sauber
Dieser Beitrag ist allgemeine Information und ersetzt keinen Erste-Hilfe-Kurs oder medizinische Beratung. Bei Bewusstlosigkeit, fehlender normaler Atmung, starker Blutung, schweren Verletzungen oder schneller Verschlechterung gilt: 112.
Quellen (Auswahl)
- Deutsches Rotes Kreuz: Erste Hilfe Überblick, stabile Seitenlage, Blutungen, Wiederbelebung, Schock.
- DGUV: Notruf, Rettungskette, Inhalte des Notrufs (PDFs).
- Deutscher Alpenverein: Notruf draußen, Standortangabe, Rettung in den Alpen.
- Bundesministerium des Innern und für Heimat: 112 europaweit gebührenfrei, Priorität im Netz.
- EU Your Europe: 112 EU-weit kostenlos aus Festnetz & Mobilfunk.
- Robert Koch-Institut: FSME-Ratgeber (u.a. Hinweis zur Zeckentestung).
